Projekt

Über uns

Das Projekt „Kulturelle Nachhaltigkeit als angewandte Forschungsstrategie in den Jüdischen Musikstudien“ ist ein Forschungsprojekt am Europäischen Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Unser Ziel ist es, auf dieser Plattform einen Überblick über aktuelle geistes-, kunst- und kulturwissenschaftliche Forschungsaktivitäten rund um das Thema kulturelle Nachhaltigkeit bereitzustellen. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Forschungstätigkeiten und institutionellen Anbindung liegt der Schwerpunkt auf den Jüdischen Musikstudien. Wir freuen uns über Anregungen, Austausch und Hinweise auf interessante Aktivitäten.

Das Projekt wird im Rahmen des Professorinnenprogramms in Bezug auf die Professur von Sarah M. Ross von VW-Vorab gefördert. Es ist am Europäischen Zentrum für Jüdische Musik verankert.

Idee

Das Projekt „Kulturelle Nachhaltigkeit als angewandte Forschungsstrategie in den Jüdischen Musikstudien“ besteht aus zwei Komplexen:

  • Der erste Komplex dient als Ort des Sammelns, des Wissens und des Austauschs von und über jüdische Musik. Bestehend aus einer interaktiven und multimedialen Datenbank wird allen Interessierten die Möglichkeit zum individuellen Erforschen der jüdischen Musikwelt gegeben.
  • Der zweite Komplex soll als Austauschplattform und Netzwerk für Wissenschaftler*innen dienen, die sich mit Konzepten der kulturellen Nachhaltigkeit befassen. Auch wenn unser Fokus auf der Tradierung jüdischer Musik liegt, sind hier Wissenschaftler*innen aller Disziplinen herzlich eingeladen, gemeinsam zu arbeiten, zu diskutieren und sich auszutauschen. Denn Nachhaltigkeit kann nur im Dialog gelingen.

Kulturelle Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein unscharfer Begriff, der in unserer Gesellschaft zunehmend auch negativ belegt ist. Im allgemeinen Diskurs wird Nachhaltigkeit als Entwicklung verstanden, welche „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ (Brundtland-Bericht, S. 51; Absatz 49 und S. 54 Absatz 1)

Somit wurde das Konzept der Nachhaltigkeit lange Zeit auf die Faktoren Ökologie, Ökonomie und Soziales begrenzt und auf Umweltprogramme und technische Konzepte reduziert, die mit den Alltagserfahrungen der Menschen wenig zu tun haben. Im Vergleich dazu wird der Begriff der kulturellen Nachhaltigkeit (cultural sustainability) in unserem Projekt u. a. als eine Alternative zum UNESCO-Konzept des immateriellen Kulturerbes verstanden, welches die diskursiven und dynamischen Prozesse des Bewahrens und Tradierens von kulturellen Äußerungen (wie etwa oral überlieferten Gesangstraditionen der Synagoge) in den Vordergrund stellt. Kulturelle Nachhaltigkeit ist damit eine Angelegenheit zukünftiger Gerechtigkeit sowie der Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.

Ein zweiter, für dieses Projekt wesentlicher Aspekt der kulturellen Nachhaltigkeit ist die Entwicklung neuer Impulse für Strategien einer erfolgreichen Praxis der kulturellen Nachhaltigkeit im Austausch zwischen Wissenschaftlern*innen und Gesellschaft, zwischen Theorie und Musikpraxis. Dies begründet zwei weitere Lesarten des Konzeptes der kulturellen Nachhaltigkeit für unser Projekt:

  • Kulturelle Nachhaltigkeit als partizipatives Konzept: Die Mitwirkung und Teilnahme der Bevölkerung an Projekten zu kultureller Nachhaltigkeit lässt eben jenes Konzept zu einem sinnlich erfahrbaren Leitbild werden – Nachhaltigkeit bekommt Gesichter.
  • Kulturelle Nachhaltigkeit als emotionales Konzept: Emotionen schaffen die Voraussetzungen, um sich auf Sachthemen dauerhaft einzulassen. Emotionen schaffen Bindungen, und Bindungen sind nötig, um sich an einem gesellschaftlichen Projekt wie Nachhaltigkeit zu beteiligen.

Vor dem Hintergrund dieser Lesarten des Konzeptes der kulturellen Nachhaltigkeit spielen Kulturschaffende eine zentrale Rolle: Diese sind zum einen aktive Träger*innen von u. U. „vom Verschwinden bedrohten“ Traditionen. Durch die Eigenschaften der Kulturgüter (z. B. Musik, Fotografie), in Menschen Emotionen zu wecken, haben sie zum anderen vielfältige Möglichkeiten, ein tiefgehendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen. Denn: Emotionale Verarbeitung schafft ein größeres Verständnis und die Bereitschaft zur Verhaltensänderung als das bloße rationale Begreifen eines notwendigen Übels. Daher ist auch das „konventionelle“ Verständnis von Nachhaltigkeit hier gefragt:

  • Wie vermitteln Künstler*innen und Musiker*innen die Idee der nachhaltigen Entwicklung in ihren Werken und damit in der Gesellschaft?
  • Wie werden diese rezipiert?

In Bezug auf die jüdische Musik soll durch das Projekt vor allem die öffentliche Wahrnehmung von der Endlichkeit jüdischer Musik korrigiert werden, welche eine nicht-nachhaltige Wahrnehmung ist: Auch wenn einige Musiken heute kaum noch lebendige Musiktradition sind, so kann etwa die Existenz einer einzelnen Aufnahme derselben – oder eben die Abrufbarkeit von Ton-, Bild- und Videoaufnahmen sowie weiterer dazugehöriger Datensätze in einer Datenbank – zukünftigen Generationen die Möglichkeit offerieren, diese Musiktraditionen wieder aufzunehmen und zu praktizieren, wie es auch im Rahmen diverser Projekte zur sogenannten „recording repatriation“ deutlich wurde. Mit unserer Datenbank als Herzstück unseres Projektes hoffen wir hier, Gemeinschaften aktiv zu unterstützen, die trotz aller Widerstände versuchen, ihre Musiktraditionen aufrechtzuerhalten. Die Datenbank, bei der das EZJM forschend und vermittelnd tätig sein wird, ist ein effektives Instrument, um Akteurinnen und Akteure des jüdischen Musiklebens zu repräsentieren und dabei auch gegenwärtige Prozesse deutlich zu machen.

Ziel

Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, einen geisteswissenschaftlichen – und insbesondere musikwissenschaftlichen – Beitrag zum Thema Kultur und nachhaltige Entwicklung zu leisten, da in den Auseinandersetzungen rund um das Konzept der nachhaltigen Entwicklung der Kulturbegriff bisher kaum eine größere Rolle gespielt hat.

Obwohl das politische und wissenschaftliche Interesse an Kultur als einem wesentlichen Aspekt nachhaltiger Entwicklung groß ist und hier auch als eine vierte Säule des Konzeptes der Nachhaltigkeit verstanden wird, bleibt das Verständnis von Kultur in diesem Zusammenhang eher vage. In Bezug auf das Projekt am EZJM sind die folgenden Aspekte bzw. Handlungsstränge, die aktuell nicht nur in den Diskursen zu kultureller Nachhaltigkeit, sondern auch in der Musikethnologie und Jüdischen (Musik-)Studien diskutiert werden, von besonderer Bedeutung, nämlich: Kulturerbe sowie kulturelle Vitalität und Diversität.

 

Das Projekt im Überblick

Kulturelle Nachhaltigkeit
als angewandte Forschungsstrategie
in den Jüdischen Musikstudien

Projektträger:
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
Europäisches Zentrum für Jüdische Musik

Förderung:
VW-Vorab | im Rahmen des Professorinnenprogramms

Projektleitung:
Prof. Dr. Sarah M. Ross

Beteiligte:
Dr. Regina Randhofer
Martha Stellmacher
Dr. Susanne Borchers
Dr. Miranda L. Crowdus

Projektlaufzeit:
Februar 2016 bis September 2020

Zuletzt bearbeitet: 14.12.2017

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